Tougher Talk

In einer wichtigen und großartigen Kolumne widmete sich Grantlands Brian Phillips heute dem Thema Ray Rice und männlicher Gewalt in der NFL. Der Ravens RB wurde von der Liga für 2 Spiele gesperrt, nachdem er im Februar seine damalige Verlobte und heutige Ehefrau Janay Palmer bewusstlos geschlagen hatte. Phillips trifft viele Nägel auf den Kopf, aber ein paar Ergänzungen sind von Nöten.

Brian Phillips Artikel „Tough Talk“ ist sehr gut, soviel mal vorweg. Darauf hinzuweisen, dass die NFL ein Problem hat, wenn es darum geht, ihre gesellschaftliche Relevanz in gesellschaftliche Verantwortung zu verwandeln, ist mehr als berechtigt. Phillips macht das gut, ich möchte aber dennoch seinen Artikel „weiterspinnen“ und jene Stellen suchen, wo er mir gefühlt zu wenig weit geht.

Nicht um, ihn zu kritisieren, sondern um gemeinsam das Thema nicht abflauen zu lassen. Denn das Thema flaut nur allzu oft ab. Phillips thematisiert das selbst sofort im ersten Absatz:

The league-as-mirror shows us, say, a player arrested for drug possession at a traffic stop — a chance to talk about any number of important things. But we have barely managed to ask what they are before the league-as-fantasy starts spinning out mysterious anger and extraneous points of debate. The NFL generates the argument and then becomes the argument’s pervading subtext.

Diese zwei Funktionen der NFL, als Spiegel-der-Gesellschaft und als Flucht-von-der-Gesellschaft, spielen sich gegenseitig in die Hände in solchen Fällen, das stimmt. Ich habe oben geschrieben, dass die Frage immer dann auftaucht, wenn Relevanz in Verantwortung umschlagen sollte, es aber nicht tut. Ich würde hinzufügen, dass es umgekehrt auch passiert. Wie in #14off2 erwähnt, funktioniert es bei manchen Fragen prächtig, sich hinter einer gesellschaftlichen Verantwortung zu verstecken, wenn es darum geht, gewisse Biografien zu diskriminieren. Colin Kaepernick darf sich noch heute der Absurdität von Tattoo-Vorwürfen stellen, und antwortet darauf berechtigterweise mit Wörtern wie „knowledgeable“, weil der Kampf jeden einzelnen Tag und in jedem Interview geführt wird.

The NFL matters?

Denn, das ist der nächste Punkt von Phillips, die NFL ist ein Ort, der Gewicht hat. Ein Ort der Auseinandersetzung, wie ein Ort der Verschleierung, Verschiebung, Umformulierung. Was hier passiert, ist relevant, weil es vergrößert wird, dank einer Millionen-Industrie an Mediendeals und Entertainment-Verzuckerung. Phillips spricht ein bisschen aus der NFL heraus, wenn er sagt, sie sei „one of the only American institutions that can make any issue visible to a national audience“. Das ist, unbemerkt von ihm, genau der Tough Talk, den er kritisiert:

Die NFL so in den Olymp zu heben, als Brennpunkt der amerikanischen Gesellschaft, blendet die vielen, vielen, unzähligen anderen Orte aus, an denen gesellschaftliche Konflikte ausgefochten und verhandelt werden.

 

In Ferguson wird ausgefochten und verhandelt. Im Supreme Court wird ausgefochten und verhandelt. In Gewerkschaften wird ausgefochten und verhandelt. Ja, sehr viele Menschen in den USA schauen NFL. Aber zu glauben, hier kommt „alles zusammen“ ist Selbstüberschätzung. Michael Sam ist für die NFL eine Neuigkeit, aber zu glauben, durch ihn fangen erst Mehrheiten der amerikanischen Bevölkerung an über Homophobie nachzudenken, ist naiv. Als jemand, der im Sport-Journalismus arbeitet und von seiner Coverage der NFL vermutlich lebt, ist der Lapsus für Phillips natürlich nachvollziehbar, aber vergessen darf man es dennoch nicht.

The NFL matters!

Wenn es aber dann darum geht, die Art zu kritisieren, wie die NFL mit solchen Themen dann umgeht, ist Phillips spot on:

This started with Rice himself, who, at a press conference in May that followed his indictment on third-degree aggravated assault charges, first apologized, bafflingly, “for the situation my wife and I were in.” Then he unfurled perhaps the least appropriate redemption koan in the history of organized sports: “I won’t call myself a failure. Failure is not getting knocked down. It’s not getting up.” At the same press conference, Janay Rice apologized for her role in the incident — apologized, essentially, for embarrassing her husband by getting beaten up by him. The Ravens’ official Twitter account live-tweeted this, with every appearance of approval. Baltimore coach John Harbaugh declared that Rice was “a heck of a guy” who had simply made “a mistake.” The NFL suspended Rice for two games, less than the CBA-mandated minimum for a minor drug offense, while Roger Goodell, the league’s commissioner, brushed off criticism of the ban. Goodell declared that he was “very impressed with Ray.”

Diese Tragödie an Handlungslosigkeit ist – wir erinnern uns – Spiegel und Vorbild/Fantasie zugleich. Die NFL sendet mit so einem Verhalten ein leider allzu klares Signal: Dass Gewalt gegen Frauen nicht schlimm ist, dass sie, sofern der Mann nur erfolgreich und einsichtig genug bist, dennoch hinter ihm stehen werden, dass der Coach und Arbeitgeber darüber hinwegsehen werden.

Diese Art des Umgangs ist, bemerkt Phillips zurecht, ein Mitgrund für höchst absurde Diskurse, die im Orbit der NFL dann stattfinden, von  Stephen A. Smiths Suspendierung bis hin zu Tonnen und Abertonnen an anonymen misogynen Forumspostings. Als das Zentrum vieler Orbits, hätte die NFL die Möglichkeit, einzugreifen. Sie tut es nicht. Nicht zufällig, nicht aus Vergesslichkeit, nicht aus Leidenschaft. Das System dahinter ist natürlich komplizierter und älter als die NFL, und darum sind diese Prozesse oft so unscheinbar. Aber Phillips findet ganz gute Worte dafür, wie man es benennen könnte.

What caused this?

It has to do, I think, with the NFL’s curious, quasi-self-appointed role as the safe zone of troubled American masculinity — or, more broadly, as a kind of wildlife refuge for endangered privilege. You could glimpse the character of this role throughout the Michael Sam story, in which a background of frank homophobia was barely kept hidden by the curtain of celebration. You could see still more of it in the controversy over the Redskins name, in which the real question, for the term’s indignant defenders, has never been “Is this word acceptable?” The real question has been “Why wouldn’t this word be acceptable in football, where we’re supposed to be able to do things like this?”

Diese Zone an freiem, amerikanischem Chauvinismus ist ein ganz wichtiger Punkt. Die NFL ist immer ein Gefäß, in dem legitimierte, männliche Gewalt einen Platz findet. Das sieht man nirgendwo sonst, als an ihrer Bestrafungspolicy. Man kann die Geschichte an nicht-gewalttätigen Übertretungen verfolgen vom 1946 Championship Game, über Art Schlichter bis hin zu Terrelle Pryor, der 3 Spiele länger als Rice gesperrt wurde. Dafür, dass er Geld annahm.

A History of Violence

Die Liste der längsten NFL Suspensionen bis 2007 beinhaltet genau eine (!) gewalttätige Handlung, Adam „Pacman“ Jones‘ Ausrasten im Strip Club, und hat seither auch nur zwei Fälle dazubekommen, die ein ganzes Jahr verlangt haben: Donté Stallworths DUI-Totschlag und Jonathan Vilmas Rolle im bounty gate Skandal. Der gesamte Rest? Gambling und Drogen. Und da reden wir noch nicht mal von den schier unzähligen drogenbedingten Suspendierung, die ein Jahr oder geringer ausfallen. Allein 2014 sind es 19 Stück schon.

Im Juli und August 2014, also binnen der letzten 45 Tage, hat die NFL mehr Suspensionen für Substance Abuse ausgesprochen (43 Spiele, Tanard Jacksons unbestimmte nicht mitgezählt) als alle nicht-drogenbedingten Strafen seit bountygate im Mai 2012 zusammengenommen.

 

Wenn also eine Liga konstant die Probleme ihrer Spieler im Umgang mit männliche Gewalt verniedlicht und ignoriert, ist es kein Wunder, wenn Fragen nach genau der zentralen Rolle dieser legitimierten männlichen Gewalt so brüsk abgewiesen werden. Die NFL verkauft legitimierte männliche Gewalt. Sie hat ein zentrales Interesse daran, dass sich das nicht ändert.

Insofern stimme ich Phillips in seinem Argument nicht zu, wenn er sagt, die NFL „contains its own sort of catharsis“. Da bricht wieder seine die NFL verteidigende Stimme durch, wenn es eher darum gehen sollte, die NFL in dieser Frage nicht „zu retten“. Phillips schreibt über die Leute, die im Internet dumme Sachen nach dem Rice-Skandal geschrieben haben: „[they] are primarily concerned with protecting football from mainstream cultural norms“ Oder: „They don’t support the problem; they just don’t want to think about it.“

Genau das ist der blinde Fleck: Zu sagen, Amerikas Mainstream hätte – im Gegensatz zur NFL – keine Probleme mit Gewalt gegen Frauen, ist absurd. Er hat irre Probleme. Menschen, werden nicht nur in der NFL gespiegelt und fliehen durch sie,  sie fliehen auch zu ihr und spiegeln sie wieder zurück in ihr Leben. Misogynie ist ein reales Problem das von vielen, zu vielen Menschen supported wird durch diese auch von der NFL antrainierte Nicht-Reflexion und Lethargie.

Das Bild des ahnungslosen NFL-Fans, der nur seinen Sport beschützen will und kein Problem mit Misogynie hat, ist bestenfalls utopisch. In Wirklichkeit verdeckt es genau jenes Problem, auf das es hinweisen will.

 

Phillips stellt am Ende richtig: „[…] when I criticize the NFL for the absurdity of its suspension policy, I, too, am not saying exactly what I mean. My real, unspoken target is that fantasy of middle-class male superpower.“

Outspoken vs. unspoken

Es gibt also keinen Grund uns auf „saving football“ zurückzuziehen, wenn die Stakes nun einmal (und immer) höher sind. Let’s say what we mean. Das Problem, dass Football und die NFL eine Rolle darin spielen, Diskussionen darüber subtil zu unterbinden, das fasst der Schlussabsatz von Brian Phillips, dem ich nichts mehr hinzufügen kann, sehr schön zusammen:

And so we can’t talk to each other. We — league, media, fans — can’t talk about what we ought to be talking about, or even what we say we are talking about. We can’t have a conversation about domestic assault, or about racism, or about bullying, or about homophobia — not about how to judge those things, not about what to do about them, not about how to exclude them from the game. The game means too much, and what it means keeps getting in the way. We can’t shout through it. We’re left talking past each other, not reaching each other. We’re left staring at each other across a 100-yard abyss.

Beitragsbild by Keith Alison under CC BY-SA 2.0

2 Kommentare zu „Tougher Talk“

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