CTE or not CTE?

Falls ihr euch fragt, wie es derzeit um das Settlement zwischen der NFL und einer Gruppe an ca. 4.500 Ex-Spielern steht, die sie aufgrund der CTE-Krise verklagt haben, im Juli ist was passiert. Am 8. Juli hat die zuständige Richterin Anita Brody der Einigung der beiden Parteien prinzipiell zugestimmt. Ein 765 Mio $ Fond, der die Ansprüche von ca. 20.000 Ex-NFL-Spielern und ihre Nachkommen mit einer sehr spezifischen Mathematik begleichen wird, sollten sie Demenz, Alzheimer, Parkinson, ALS oder CTE aufweisen, ist somit auf Go.

Fragen wirf die Einigung aber noch immer enorm viele auf.

Da ist einerseits der Aspekt, dass die Einigung explizit der NFL gestattet, kein Zugeständnis zu irgendeinem der dem Fall zugrundeliegenden Fakten machen zu müssen. Sprich: Die NFL macht das, weil sie nett ist. Nicht weil Football spielen und im Unklaren darüber gelassen werden, welche Gefahren es mit sich bringt, kausal etwas mit erhöhter Chance auf chronische Gehirnschäden zu tun hat.

Da ist andererseits der Aspekt, dass alle Ansprüche um 75 % reduziert werden, sobald der betroffene Spieler auch nur einen nicht-Football-bezogenen Gehirnschlag gehabt hat.  Wissenschaftlich-medizinische Begründung für die Kalkulation gibt es natürlich ebensowenig wie eine Erwähnung der Tatsache, dass die NFL jahrelang ihren Spielern Toradol verabreichte, welches  die Schlagafanfallwahrscheinlichkeit erhöht.

Da ist auch der Aspekt, dass  die Anwälte der Spieler dank eines 112 Mio $ Gehalts nicht viel Interesse daran hatten, das zu einem langfristigen und die systematischen Probleme wirklich angehenden Fall werden zu lassen.

Und da ist die größte Ironie unter allen, die im dieswöchigen Sports on Earth Artikel von Patrick Hruby sehr genau dargestellt wurde:

According to the terms of the proposed settlement, NFL retirees may receive awards of up to $4 million for „Death with CTE,“ but only if they’ve died between Jan. 1, 2006 and July 7, 2014. Anyone who died earlier is shut out. As is anyone reading this. Forever. Never mind that CTE — a condition found in contact sport athletes, military personnel exposed to explosive blasts and others subjected to repetitive concussive and subconcussive head trauma, marked by widespread, irreversible accumulation of destructive tau protein in the brain — is at the heart of the lawsuits against the league. That it’s the disease of Junior Seau and Dave DuersonAndre Waters and Justin Strzelczyk. That it’s the deus ex machina of „League of Denial,“ a malady that the NFL’s handpicked, under-qualified, since-discredited concussion doctors insisted neither existed nor could be linked to football, all while the neuropathologist who first discovered CTE’s telltale tau tangles in Hall of Fame center Mike Webster’s brain, Bennet Omalu, considered calling it footballer’s dementia.

Der Kern der Krise, jene Krankheit, die am stärksten von allen genannten mit Footballspielen in Verbindung gebracht werden kann, und die am schwersten zu diagnostizieren ist, wird aus dem Deal praktisch rausgeschrieben.

Wie ernst es der NFL mit diesem Deal ist, wird auch klar, wenn man bedenkt, dass sie sich selbst immunisiert gegen wissenschaftlichen Fortschritt. Selbst wenn nächstes Jahr ein neues Verfahren entwickelt werden sollte, das CTE vor der Autopsie diagnostizierbar machen könnte, verhindert das Settlement prinzipielle Veränderungen der Rahmenbedingungen:

Many scientists believe that there will be a way to detect CTE in the living within the next decade. This isn’t blind faith in the march of progress, like expecting warp drives and flying cars. It’s a pragmatic assumption, rooted in current research. Scientists in Chicago are experimenting with a screening test that measures vision, eye movement and optic nerve irregularities. Stern’s team in Boston is currently conducting a comprehensive study of 100 NFL retirees, hoping to identify CTE biomarkers. Other researchers are developing and refining scanning technology to see tau deposits in the brain; just this week, scientists from Massachusetts General Hospital attending the Alzheimer’s Association International Conference in Copenhagen announced a new type of brain imaging that can show tau tangles in living people for the first time.

Inexplicably, the settlement barely takes future scientific advances into account. While the deal covers the next 65 years, it specifically prohibits the NFL and the players‘ top lawyers from meeting more than once every 10 years to discuss possible changes to both the agreement’s qualifying diagnoses and the protocols for making them, with actual modifications needing approval from both sides. (Translation: If the NFL doesn’t want to accept a new method of detecting CTE, it doesn’t have to). More significantly, any and all changes will not affect the bottom line. From Section 6.4 of the settlement, „Modification of Qualifying Diagnoses“:

In no event will modifications be made to the Monetary Award levels in the Monetary Award Grid, except for inflation adjustment(s)

Gegen die bottom line, mit der sich die NFL hier quasi selbst eine Belohnung verschafft hat, hilft also ganz explizit nicht einmal ein medizinischer Durchbruch innerhalb der nächsten 65 Jahre, der Menschenleben langfristig retten könnte.

Der NFL wird das egal sein. Vielleicht wird sie es ja wieder als „Voodoo Science“ abtun und den Zirkel von vorn beginnen.

ETA: Nur wenige Minuten nach dem Onlinestellen des Posts wurde bekannt, dass Sidney Rice wegen Gehirnerschütterungen seine Karriere beendet hat. Nicht alle vertrauen also der NFL-Version der Zukunft.

Beitragsbild by http://www.ebi.ac.uk/

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