Review: Michael Holleys „War Room“

Football-Bücher kommen im Regelfall in zwei Schattierungen daher: Die Team- oder personenspezifischen für Fans, und die historisch-  oder taktisch-strategischen für die Nerds und Möchtegern-Coaches. Michael Holleys „War Room“ sitzt irgendwo in der Mitte: Es ist eine Biografie der Patriots Dynastie der Nuller, aber gleichzeitig ein grandioser Einblick in die Arbeit eines Footballbrains. Es fokussiert jedoch, was das tolle ist, nicht auf X-and-Os oder die Entwicklung einer Taktik, sondern auf die Arbeit des GMs: Wie scoutet man College Spieler? Warum draftet man so und nicht anders? Und wie zum Geier führt man das alles zusammen zu einem winning Team?

The legacy of Bill Belichick…

Holley fängt dabei bei Bill Belichick an, und skizziert seinen Background wunderbar: Die Zeit als Schützling von Bill Parcells bekommt ebenso Raum zugestanden wie die Rekrutierung seiner eignen Schützlinge. Scott Pioli und Thomas Dimitroff bekommen im weiteren Verlauf jeder etwa ein Drittel des Buches ab, was – das wusste Holley damals natürlich noch nicht – „War Room“ zu gleichen Teilen zu einer Falcons-Biografie wie einer Patriots-Biografie macht.

Holley bleibt mehr oder weniger chronologisch, widmet sich der Frage, wie man Erfolg institutionalisiert. Besonders schön hierbei Belichicks Meldung nach dem ersten, überraschenden Super Bowl Titel, wieviele Spieler er austauschen wird müssen, um ein jährlicher Contender zu werden: „About twenty.“ Wir bekommen Einblick in den gesamten Scout Prozess, den er Pioli und Dimitroff beibringt, wir lernen über den Input, den Owner Robert Kraft hat und wir lernen über Erfolg und Misserfolg: Asante Samuel und Vince Wilfork bekommen ebenso Raum wie Busts wie Laurence Maroney und Chad Jackson.

Wir bekommen auch Einblick darin, wie eine erfolgreiche Organisation ihre Leute verliert. Neben Pioli und Dimitroff ist auch Josh McDaniels ein wesentlicher Teil des Buches. Eric Mangini, Romeo Crennel und Charlie Weis haben alle ihren Platz und werden nicht ausgespart. Die Probleme mit Brian Daboll, Spygate und andere für Patriots Fans sicher schmerhafte Momente auch: The fast perfect Season wird mit einem sehr detaillierten Blick auf die absurdeste aller Super Bowls sehr klar dargestellt.

Dies ist natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass Dimitroff genau in diesen Wochen sein legendäres Webcam-Vorstellungsgespräch mit Arthur Blank hatte. Der Teil des Buches der sich ihm und den Falcons widmet ist deswegen spannend, weil er auch immer wieder herausstreicht, worin sich Dimitroff von Pioli und Belichick unterscheidet: Eine Organisation wie die Nuller Patriots ist oft erfolgreich, weil sehr unterschiedliche Ansichten und Menschentypen zusammenkommen, deren Reibungsflächen sich gegenseitig zu Höchstleistungen anstacheln. Holley gelingt es das ganz deutlich herauszuarbeiten, und seine Beschreibung von Dimitroffs Arbeit in Atlanta (ohne einen technokratischen no-nonsense Imperator wie Belichick) bzw. Piolis Arbeit in Kansas City (ohne einen liberalen laid-back Nerd wie Dimitroff) erscheint in „War Room“ als das, was die Erfolge der beiden Teams auch sehr gut beschreibt: Unvollständig.

…and the art of building the perfect team

Die Zeit nach 2008 ist dadurch mitunter sogar die spannendere Seite des Buches. Wir bekommen Einblick in den Matt Cassel Deal, den Julio Jones Trade, den Belichick kritisierte, und auch sehr persönliche Momente, die man sonst wohl nirgendwo finden kann: Ein Abendessen in Mobile, Alabama, bei dem Dimitroff und Pioli (nun schon als Konkurrenten, aber immer noch Freunde fürs Leben) über die grobe Entwicklung der NFL sinnieren, und ihre Unterschiede herausarbeiten: Dimitroff, der Entertainment als Teil der NFL akzeptiert (vgl. den Julio-Deal, der mindestens so viel Signal- und Lautstärkenwirkung hatte wie realen Footballsinn), Pioli, der dem old way treu bleibt, und den die ganzen Millionen und der Pomp nerven. In Atlanta sitzen zum Teil private Berater wie ehemalige Bürgermeister im Draft Room, weil der Prozess offen ist und keine Meinung per se irrelevant ist. In Kansas City und Foxborough sitzen nicht einmal die teaminternen Scouts im Raum.

Viel von „War Room“ ist in Wirklichkeit wie ein guter Wein: Holley konnte das nicht wissen, aber die Stories werden von Jahr zu Jahr wichtiger. Phil Emery hat zB einen wunderschönen Platz in der Geschichte, als Scouting Director, den der neue GM Dimitroff 2008 nicht befördern wollte, aber extrem schätzte. Als Pioli dann Kansas City übernahm, empfahl Dimitroff Emery sofort rüber zu seinem alten Freund. Zur Zeit als „War Room“ rauskam – 2011 – wusste noch niemand, dass er nur ein paar Jahre später der Bears GM werden würde. Piolis Wechsel nach Atlanta war natürlich auch nicht bekannt.

Dadurch ist „War Room“ mehr oder weniger zweigeteilt in einen sehr historischen Belichick-Teil, der ewig lange her wirkt, und einen fast schon unwissentlich aktuellen Teil rund um Dimitroff und Pioli. Man bekommt quasi zwei Bücher zum Preis von einem, und auf die Gefahr hin, dass sich Patriots-Fans vom zweiten und Patriots-Hater vom ersten Teil langweilen, ist für all jene, die den Patriots gleichgültig gegenüberstehen und sich nur für die In-and-Outs von Teambuilding und Draft Science interessieren extrem viel spannender Lesestoff vorhanden.

Gerade in de Offseason und leading up to the Draft gibt es wohl derzeit kaum spannendere Bücher als dieses hier.

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